Heimat ist kein eindimensionaler Begriff

Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund (ein unsäglicher Begriff der Statistik, der abgeschafft gehört wie Ferda Ataman richtig fordert) haben eine gemeinsame Erfahrung - unabhängig davon, ob sie eingewandert sind oder hier geboren. Die Konfrontation mit der Frage: „Woher kommst du?“. 

Nun verhält es sich so, dass sich diese einfache Frage in den letzten Monaten auf unterschiedlichen Ebenen verändert hat. Das zeigt sich am bestem an dem Zusatz, „Woher kommst du eigentlich? Das eigentlich impliziert, dass man da, wo man herkommt, auch wieder hin zurück kann. Es impliziert eine fehlende Rechtmäßigkeit für das Da-Sein in Deutschland.

Heimat bedeutet also wieder was, oder sie soll wieder was bedeuten. Ob das jetzt ein genuines Begehren ist oder eine Möglichkeit der Abgrenzung sei dahingestellt. (Auch wenn das wichtige Fragen sind, angesichts der Fahnenschwenkerinnen und Fahnenschwenker, die für die Weltmeisterschaft bereits in den Startlöchern stehen.)

Wer eine Neudefinierung des Heimatbegriffs für überfällig hält, um „den Begriff vom früheren politischen Missbrauch zu befreien“, wie Joachim Gauck fordert, der muss drei einfache Punkte beachten:

1. Wer sich seiner Heimat verbunden fühlt, hat den Ankommenden eine gute Gastgeberin oder ein guter Gastgeber zu sein. Wer seine Heimat schätzt muss zumindest erahnen können, was es bedeutet, sie aufzugeben zu müssen. Heimat ist kein eindimensionaler Begriff. Wie kann ich eine Heimat haben, wenn jemand anderes keine hat?

2. Heimat sucht man sich nicht aus. Wo wir geboren sind und in welche Position ist purer Zufall. Der Zufall der Geburt ist eine Bürde. Besonders in einer globalisierten Welt. Gehen wir davon aus, dass Heimat ein genuines Begehren ist, liegt dem Menschen dann nichts näher, als sich eine Heimat zu suchen? Wer bin ich, Suchende an ihren „rechtmäßigen Platz“ zurückzuschicken? Vor allem, wenn der Ort ihrer Abreise kein bewältigbares Leben ermöglicht?

3. Heimat gibt es auch im Plural. Das hat Frank-Walter Steinmeier richtig erkannt. Ein Viertel der Deutschen hat einen statistischen Migrationshintergrund. Unsere Gesellschaft ist plural. Eine Politik, die immerzu auf einen undefinierten Heimatbegriff besteht, grenzt damit nicht nur die aus, die sie aktuell offensichtlich ausgrenzen will – Geflüchtete. Sie grenzt letztlich auch Deutsche aus und spaltet die Gesellschaft. Dass der deutsche Innenminister am Integrationsgipfel nicht teilnimmt, ist ein Schlag ins Gesicht.

Diese Punkte sind nicht zwangsläufig kohärent. Sollen sie auch nicht sein. Sie sind auch nicht zwangsläufig vollständig und bergen keinen absoluten Anspruch. Auch deswegen, weil Heimat für jeden etwas anderes bedeutet. Man sollte das in der politischen Debatte im Hinterkopf behalten.

Vor allem sollte man darauf achten, in welches Horn man bläst. Vor was machen die selbsternannten Heimatbeschützer, die „Volksvertreter“ halt? Die Probleme, die mit der „Flüchtlingskrise“ in Verbindung gebracht werden, hatten wir schon davor. Ist das Asyl die Sollbruchstelle? Die Migration? Hautfarbe? Polnische Nachnamen? Es wird immer ein neues Feindbild geben.

Heimat taugt nicht als politischer Kampfbegriff.

Es ist bedauerlich, dass es in Deutschland keine Partei mehr gibt, die sich zu einer offenen Gesellschaft bekennt.